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Teresa Baier berichtet aus Edinburgh (Schottland)

klagt Marianne über ihren Jüngsten, der mich an ihrer Tür stürmisch willkommen heißt, wenn ich morgens zu meinem Unterricht in ihrem Haus eintreffe. Als sie jedoch sieht, dass mich der große schokoladenbraune Labrador mit seinen Freudentänzen keineswegs in die Flucht schlägt, strahlt sie über das ganze Gesicht. „ You like him?“ Yes, I do. James versteht nur Englisch und Liebe im Gegensatz zu seiner weltgewandten Besitzerin, die einst ihrem schottischen Mann zuliebe “La belle France” verlassen hat. Polyglott sind eigentlich alle, die ich hier im Haus treffe. Mariannes Mann Henry, der die „English Tutorials“ für Erwachsene leitet, unterrichtet Italienisch und Deutsch an der Napier – University, die Kinder sprechen Englisch und Französisch, und mein Lehrer Moss, der jeden Morgen hierherkommt, hat siebzehn Jahre in Stuttgart gelebt.

Wer sich von letzterem Umstand einen Heimvorteil erhofft, hat sich allerdings geirrt. Moss spricht mit uns konsequent Englisch, wenn auch gelegentlich mit Brocken gespickt wie „Arbeitslosenversicherungsbeitrag“ oder „Kanzlerkandidatin“. Der Unterricht der „English Tutorials“ ist ausschließlich auf Kleingruppen von ambitionierten Erwachsenen zugeschnitten und findet in Privathäusern von Edinburgh statt. Unsere Lektionen beginnen in der Regel damit, dass Mitstudent Uwe und ich von unseren Stadterkundungen am vorigen Tag berichten. Ich bin zutiefst beeindruckt von den wunderbaren Gebäuden der Royal Mile, den „Hochhäusern des Mittelalters“, den zahlreichen Hügeln und Parkanlagen. Vom Castle oder Arthur´s Seat aus, einem erloschenen Vulkan neben dem Holyrood – Palace, hat man einen wunderbaren Ausblick über ganz Edinburgh bis hin zur Nordsee. Man sagt im Volksmund, selbst Hitler habe die Stadt mit dem Castle unversehrt einnehmen wollen. Ich möchte mehr über die berühmten Gartenpartys der Queen im Holyrood – Park erfahren. Moss erläutert: “Man winkt mit spitzen Fingerchen, trinkt ein wenig Tee, lässt sich photographieren und erzählt seinen Freunden davon“.

Wer pikantere Anekdoten erwartet, sollte sich lieber nach so mancher Gestalt aus Edinburghs ereignisreicher Vergangenheit erkundigen. Unser Lehrer lässt mit sichtlichem Vergnügen namhafte Gangster und Scharlatane vor uns auferstehen, die für ihr brillant inszeniertes Doppelleben bis heute noch bekannt sind. Wer es noch anschaulicher mag, kann eine der berühmten „Geistertouren“ durch die Altstadt buchen.

Ob es sich nun um okkulte, sakrale oder profane Dinge handelt, die man besichtigen möchte, von Marianne und Moss kann man jederzeit gute Anregungen erhalten.

Wir lesen Zeitungsartikel, diskutieren über aktuelle Themen und nehmen je nach Bedarf Grammatik – Lektionen durch. Heute steht ein kleines Rollenspiel auf dem Programm. Moss, der von meiner Pferdebegeisterung weiß, lässt mich als Reitlehrerin agieren und Uwe als Schüler anwerben. Genüsslich lasse ich erst einmal einen ganzen Regen von Ermahnungen und Verboten auf den armen Jungen niedergehen; er darf „im Stall“ weder rauchen noch rennen noch laut reden, sondern muss alles äußerst „carefully“ tun. Aber damit gibt sich Moss noch lange nicht zufrieden. „Wie starte ich mit dem Pferd? Wie halte ich an? Und wie kann ich es überhaupt vermeiden herunterzufallen?“ Ich instruiere und erkläre fleißig, doch er will es (im Gegensatz zu Uwe) immer genauer wissen, bis ich allmählich sprachlich und fachlich an meine Grenzen stoße. Gerade kommt mir die rettende Idee, Uwe zu einem Proberitt auf einem erhöhten Stuhl zu verdonnern, da bittet uns Marianne zur Kaffeepause in die Küche. Zu Kaffee oder Tee gibt es Muffins und selbstgebackenen Apfelkuchen, im Hintergrund läuft klassische Musik. Marianne, bestens gelaunt nach ihrem morgendlichen Tennisspiel, erzählt von ihren zahlreichen Reisen mit Henry, von ihren Erlebnissen in der ehemaligen DDR, von den Demonstrationen radikaler Linker in Edinburgh und von einer zufälligen Begegnung mit der Queen. Neben uns liegt James in einer Art Spagat – Haltung, die ich noch bei keinem Hund zuvor gesehen habe. Nach der Pause führt uns Moss auf Kassette umgangssprachliche Redewendungen vor, damit wir auch „die Leute auf der Straße“ verstehen. Und tatsächlich höre ich nachmittags im Bus Leute, die bereits „for aaages“ warten oder „fed up“ sind wegen diesem oder jenem. Ich nehme meist verschiedene Buslinien, die auf vielfältigen Routen in die Innenstadt fahren, so dass sich abwechslungsreiche Ausblicke ergeben.

Sobald ich meinen Stadtplan ausbreite, bietet mir jemand wortreich Hilfe bei der Orientierung an, sobald ich eine englische Zeitung hervorhole, werde ich als vermeintliche Einheimische nach dem Weg gefragt.

Eines Nachmittags nimmt mich Marianne mit in die nahe gelegenen Pentland – Hills, wo sie regelmäßig ihren Hund ausführt. Bei strahlend schönem Wetter erwarten uns dort Hügel, Wälder und Wiesen in den unterschiedlichsten Grüntönen, weidende Schafherden und kleine Seen. Kaum sind wir losmarschiert, beginnt es in Strömen zu regnen (it´s regularly buckening in Scotland), aber davon darf man sich die Laune nicht verderben lassen. James entdeckt ständig neues Spielzeug, rollt gleichzeitig Bällchen und Stock vor sich her.

„James, schäm dich! Hör sofort auf und komm her!“ schimpft Marianne plötzlich und ein junger Mann mit Freundin hinter uns fragt betroffen, was er denn getan habe. „Oh, that´s my dog“, setzt sie zu einer Entschuldigung an und lacht schon wieder. Für ihr „third child“ sind ihr die geläufigen Hundenamen zu abgedroschen. Vollkommen durchnässt kommen wir am Ausgangspunkt an, und sie lädt mich zu einer heißen Suppe in einem gemütlichen kleinen Lokal ein. Kaum sitzen wir wieder im Auto, scheint natürlich die Sonne wieder.

„Did you enjoy it?“ empfängt mich meine Gastgeberin, eine liebenswürdige ältere Dame, abends im Quartier. Sie händigt mir einen warmen Bademantel und eine dicke Regenjacke aus, unentbehrliche Leihgaben, die sie für all ihre vom Kontinentalklima verwöhnten Studenten bereithält. Ich wohne in einem hübschen Zimmer samt Fernseher, Videorekorder und Stereoanlage; großzügig stellt sie mir all ihre Bücher und Klassik - CDs zur Verfügung. Unsere Mahlzeiten widerlegen das Klischee vom ungenießbaren englischen Essen. Eines Nachmittags entdecke ich in einer historischen Ausstellung einen Mann ihres Namens auf einer Liste von revolutionären Bürgern. „Wir sind eine alteingesessene Familie. Meine Vorfahren stammen von den Normannen ab und haben noch in den letzten Jahrhunderten für die Rechte des Volkes in einer aristokratisch geprägten Gesellschaft gekämpft,“ erklärt sie mit leuchtenden Augen.

Im Anschluss an meine letzte Unterrichtsstunde nimmt Moss mich mit in seinen Lieblingspub. Außer den unzähligen Whisky – Sorten beeindrucken mich die gewaltigen Champagnerflaschen an der Wand, von denen die größte etwa mannshoch sein dürfte. “Sekt gibt es hier nicht. Wenn, dann muss es schon echter Champagner sein. Und wer Geld hat, kauft sich eine richtige Flasche von da oben.“ Leider habe ich keines, und so bewundere ich eben ein uraltes Modell von Skiern, das direkt über mir hängt. Viele Leute stellen dem Wirt ihre Antiquitäten als Dekoration zur Verfügung.

Meinen letzten Tag verbringe ich mit Marianne und Uta, einer neuen Studentin aus Frankfurt, im Zoo. Die heißersehnte Pinguin – Parade, die inmitten der Zuschauer stattfinden soll, entfällt, da die Pinguine ihr Gehege nicht verlassen wollen. „They look like old German men“, höre ich einen Kommentar aus der Menge. Möglicherweise üben sie aber auch Englisch, insbesondere das schöne schottische „Rrrr“, so wie sie gerade ihre Köpfe in den Nacken legen und gurren. Uta, die Tiere über alles liebt, trotz ihrer siebzig Jahre noch gut zu Fuß ist und jeden Nachmittag dort verbringt, wird auf diesem Gelände noch mehrere Raritäten entdecken. Ich fahre für meine letzten Einkäufe noch einmal in die Stadt und genieße von einem Café aus den grandiosen Blick auf Castle und Royal Mile. Dabei drängt sich mir der Gedanke auf, wie es wohl wäre, statt der geplanten zwei Wochen einfach hier zu bleiben.

Wer abseits vom Massentourismus in Gesellschaft von freundlichen Einheimischen Sprache, Kultur und Natur von Großbritannien kennenlernen möchte, dem sage ich „Welcome to Edinburgh!“

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