Werner Schnabel

Sonntag
Ein Tag für Frühaufsteher! Der Wecker klingelt um 02:30h. Start mit dem Auto um 03:30h nach Leipzig. Abflug 06:50h. Ankunft Flughafen Stansted 07:30h. Weiter mit dem National Express Coach nach London Heathrow. Abfahrt mit Coach Nr. 205 nach Bournemouth „central bus station“ und dann mit dem Taxi zum Hotel.
Ich inspiziere mein Quartier, packe meinen Koffer aus und bin zufrieden: es ist ein schönes und zweckmäßiges Zimmer. Eine gute Wahl!
Nachmittags teste ich mit dem Stadtplan in der Hand den Weg zur Sprachschule. Dabei erlebe ich erst mal die Unsicherheit in mir wegen des links fahrenden Verkehrs! Äußerst gewöhnungsbedürftig! Ich hatte während meines gesamten Aufenthalts Probleme und Ängstlichkeiten damit. Die Engländer fahren aber auch rücksichtslos…
Nachdem der Weg ausgekundschaftet ist, laufe ich noch zum Strand. Dort mache ich mir mit zufriedenem und staunendem Blick klar: ich bin am Meer! Gleich sammle ich einige Muscheln und stapfe genüsslich durch den weichen, von den Wellen durchfeuchteten Sand. Wunderbar! Diese salzige Luft! 

Montag
In der Sprachschule geht es los mit einem Test für alle 80 Neuankömmlinge. Im kleinen Hörsaal. Mir ist zunächst alles zu unklar, das Tonband tönt unsauber, alle reden hier viel zu schnell… Das kann ja heiter werden, denke ich. Einige Fragen im Testbogen kann ich nicht beantworten. Ich schaffe es zeitlich nicht. Ein paar mal muss ich raten… Ich bin gespannt, was dabei herauskommen wird.
Dann Mittagessen in der Mensa. Vier Deutschsprachige an einem Tisch: eine Wienerin, zwei Schweizer, ein Deutscher. Positiv registriere ich: das Essen ist nicht schlecht hier.
Nachmittags werden wir 21 „50 PLUS“ (= Oldies) in drei Leistungsgruppen eingeteilt. Ich gehöre zur Stufe 3, der höchsten!!! Das verstehe ich nicht. Die Leute um mich herum sprechen alle viel mehr und besser Englisch, als ich. I think, the test was wrong…
Nachmittags: Nach kurzer Siesta Einkaufen bei ASDA (riesiges Einkaufszentrum neben dem Bahnhof, 24 Stunden geöffnet). Den Rucksack und drei große Plastiktüten voll gestopft. Wo ich doch so gerne einkaufe! Verheerend und erfolglos war die Suche nach Kaffesahne, dunklem Brot oder knusprigen Brötchen…
Dann noch ein ausgedehnter Rundgang durch das Stadtzentrum und am Strand entlang wieder heim. Dinner am Minitisch mit weichen Brötchen und Guinness. Danach einen Wein zum englischen Fernsehen.

Dienstag
Spannender Unterrichtsbeginn: Vorstellungsrunde jeweils in Zweiergesprächen und dann in der Gruppe. Wir sind acht Studenten. Dann Zeichnen aufgrund englischer Kommandos des Partners. Eine tolle Methode, die englische Bezeichnung graphischer Zeichen zu erlernen!
Nachmittags: Zwei Unterrichtsstunden bei Nachwuchs-Sprachlehrern absolviert. Da hier auch Sprachlehrer ausgebildet werden, kann man kostenlos an solchen Probelehrveranstaltungen teilnehmen.
Dann noch ein Spaziergang zum Strand. Kurz mal den sechs weiß-grün gekleideten Seniorenmannschaften beim Bowling zugeschaut. Der Platz liegt gegenüber meinem Hotel, eingebettet in einen kleinen botanischen Garten. Faszinierend, wie genau die alten Ladies and Gentlemen die Kugeln auf dem Rasen rollen und kurven lassen!
Dann bin ich noch in die Altstadt gelaufen. Irgendwie eigenartig ruhig war es. Kaum Leute unterwegs. Zig Lokale: fast alle leer. Erstes Pub-Erlebnis in dem einzigen Lokal, in dem es lebendig zugeht. Aber ich sitze in dem schönen Ambiente, ohne dass ein Gesprächskontakt zustande kommt und gehe deswegen bald wieder. Daheim schaue ich „Mission Impossible“ im Fernsehen.

Mittwoch
Der Höhepunkt der Woche: Orchesterkonzert mit dem Bournemouth-Symphonie-Orchester im Theater in Poole. Wir werden mit dem Bus hingebracht. Aussteigen. Rein ins Theater. Zunächst betritt man ein riesiges Lokal. Massenhaft Leute sitzen da und dinieren ausgiebig! Wir haben preiswerte, aber wunderbare Plätze auf dem Balkon. Ein riesiger Theaterraum. Schätzungsweise 2.000 Plätze? Ausgebucht. Von unserem Balkonplatz haben wir einen ungestörten Überblick in das weite Theaterrund und auf die Bühne. Dann betritt die Dirigentin das Pult. Marin Alsop, eine berühmte „conductorin“! Gewaltig, was geboten wird: 90 Orchestermitglieder, 150 Chormitglieder und 40 Mitglieder eines Jugendchores. Alle jeweils einheitlich gekleidet. Carmina Burana: ein einmaliges, beeindruckendes Erlebnis!
Eine riesige Service-Leistung unserer Sprachschule ist der Rücktransport mit dem Bus „vor die Haustüre“ von uns 21 verstreut untergebrachten Oldies! Lynn von der Schulverwaltung hat das bis zum Schluss bewundernswert gemeistert. Die letzten drei „Studenten“ (zu denen ich gehörte) werden dem nach langer „Stadtrundfahrt“ frustrierten Busfahrer entrissen und mit dem Privat-Pkw von Lynns husband nach Hause gefahren. Mit Karacho! Er war früher Taxifahrer. „You have the map in your mind!“ sage ich zu ihm.

Donnerstag
Nachmittags: visit to Sherborne Castle. Sagenhaft, diese Landschaft! Und diese Allee mit dem uralten Baumbestand. Und die Schilfdächer mit Verzierungen. Diese flutende Weite, erzeugt durch schachbrettartig geschnittenen Rasen und gelb blühenden Raps, das imposante Schloss und den gewundenen See einrahmend.
Übrigens: das Schloss kann man für Familienfeiern mieten. Zumindest einen Teil davon, wie wir erleben konnten. Und etwas bisher mir Unbekanntes habe ich in dem Schlossmuseum gesehen: eine Männerfalle!

Freitag
Heute Nachmittag habe ich mich mal ganz gelassen und ohne Zeitdruck am Meer ausgependelt. In der Sonne sitzend. Bis es gegen 18 Uhr ziemlich frisch wurde. Habe dabei auch ein wenig im Englischbuch studiert. Dann bin ich mit einem vierjährigen Jungen in den anstrandenden Wellen herumgetollt. Er kam ganz zutraulich auf mich zu. Ich nahm ihn an der Hand und er schlug platschend immer wieder mit seiner Sandschaufel auf die gischtigen Wellen ein. Und lachte und lachte. Ein Riesenspaß! Er wollte immer weiter hinein ins Meer. „Stop“, sagte ich immer wieder und hatte alle Mühe, endlich mit ihm an den Sandstrand zurückzukehren, um ihn seiner Mutter zu übergeben.

Samstag
London-Excursion. Zunächst geht es gemeinsam in den Tower. Vorbei an den Beefeaters. Die legendären schwarzen Raben (ravens) haben wir nicht gesehen. Sie waren wegen der Vogelgrippe eingesperrt… (Die Legende sagt, wenn die Raben den Tower verlassen, geht die Monarchie unter. Deswegen werden ihnen die Flügel gestutzt, damit sie nicht wegfliegen können.). Beim Museumsrundgang ist uns dann so richtig der Reichtum des UK vor Augen geführt worden. Natürlich auch die Kronjuwelen.
„The most important building“ war für mich die Tower Bridge. 900-mal im Jahr öffnet sich diese Hebebrücke für Schiffe mit einer Höhe von mehr als 14 Metern (Anmeldefrist 24 Stunden vorher. Die Technik ist dampfbetrieben.).
Weil uns die underground zu teuer ist (3 £ einfache Fahrt) nehmen wir zu viert ein Taxi zum Buckingham Palace. Das kostet uns nur 8 £. Durch den St. James’s Park gehen wir zum Trafalgar Square. Dann zum Piccadilly Circus und wieder zurück, vorbei an den Horse Guards , Downing Street , zum Big Ben, zur Westminster Abbey (die leider geschlossen war) und zum Houses of Parliament. Mit dem Taxi geht es dann zurück zum Bustreff bei Herrods, wo wir gerade noch Zeit für einen Kaffee finden. Hansjörg muss allerdings dringend in das benachbarte Pub, um das wichtige Fußballspiel im Fernsehen zu verfolgen.

Sonntag
Oxford-Excursion. Zunächst besuchen wir Blenheim-Palace, eine sehr gepflegte Schloßparkanlage mit einer interessanten Ausstellung über Sir Winston Churchill. Beiläufig gibt es da noch zwei andere Events: eine Ausstellung englischer Oldtimer und den Auftritt einer Folklore-Gruppe.
Ca. 13 Uhr Ankunft in Oxford. Dann Besichtigung des Magdalen College. Es ist schon eine besondere Atmosphäre in dieser Umgebung alter ehrwürdiger Gebäude. Angestaubter Touch von Elitärem. Der Rundgang durch das historische Ensemble von Oxford fällt etwas eilig aus. Leider ist die imposante Christchurch geschlossen, als wir um 16 Uhr dort ankommen. Da gehen Hansjörg und ich in das gegenüberliegende Lokal und trinken eine teure Tasse Kaffee.

Montag
Excursion Salisbury. Die Nachmittage sind einfach zu knapp für ausgiebige Ausflüge… Hansjörg, Erika, Marcela, Toshiba und ich beschließen, von Salisbury aus mit dem Taxi nach Stonehenge zu fahren. Raus aus dem Bus, im Eiltempo zum Taxistand. Wir finden ihn nicht auf Anhieb. Die Verhandlung ergibt: es kostet 35 £.
Beim Annähern erscheint Stonehenge zunächst ein eigenartiges Ziel. Mitten in der flachen Hügellandschaft stehen einige große Steine. Was soll dieser Aufwand?! Dieser Besucherandrang!?
Vorbei an den parkenden Bussen, die Kassenschlange passiert, einen Kopfhörer in eigener Sprache am Ohr, läuft man durch die Betonunterführung hinaus in einen niedrig mit Drahtseilen eingefriedeten Rundweg um das Steinwunder und hört sich die Erklärungen an. Angenehm frischer Wind umspült mich. Und ich sehe und lausche mich hinein in diese Steinarchitektur. Mehr und mehr Staunen umfasst mich. Wer waren die Erbauer? Welchem Zweck diente dieses Monument? Woher kommen die Steine und wie kamen sie hierher? Mit welchen Mitteln und Techniken wurde dieses Denkmal erbaut? Fragend, staunend und nachdenklich verharre ich und starre auf die Steine und warte darauf, dass sie antworten. Nachdenklich verlasse ich den Ort mit einer anderen Bewertung als bei meiner Ankunft. Und nun bin ich mir sicher: es hat sich gelohnt, diesen Ausflug zu machen.
Zurück mit dem Taxi zur Salisbury Cathedral. Wahnsinn, diese Architektur! Dimensionen, die man sonst nicht sieht. Ich bin überwältigt von der Kunst der „aufgelösten Wand“!

Dienstag
Frühmorgens Sonne und blauer Himmel und ich gehe kurzärmelig zur Schule. Für den Nachmittag ist ein Ausflug mit Ray geplant. Er hat sein Auto dabei. Mittags ist es plötzlich kalt und es fängt an zu regnen. Optimistisch starten wir nach Christchurch, einem Nachbarort. Es regnet in Strömen, als wir am Parkplatz aussteigen. Mit Schirm geht es eilig zur Kirche. Ein imposantes Bauwerk und ein äußerst sympathischer Guide.
Anschließend sitzen wir diskutierend in einem Cafe und hoffen, dass es aufhört, zu regnen. Aber auch nach einer Stunde ist es eher schlechter statt besser. So statten wir dem kleinen hübschen Hafen einen Besuch mit dem Auto ab und ich springe schnell mal aus dem Wagen, um ein Beweisphoto zu machen. Ray bringt uns dann zurück und wir trinken noch ein Glas im Pub neben Erikas Gastfamilie. Abends gehe ich noch an den Strand und laufe Richtung Boscombe. Heimwärts geht es durch den Garten oberhalb des Cliffs.

Mittwoch
Nachmittags einkaufen und kurze Strandwanderung. Abends dann die Quiz Night in der Mensa der Sprachschule. Drei Gruppen „kämpfen“ unter der Regie von Sarah gegeneinander bei der Lösung von Testfragen. Ich staune, was die Leute alles wissen… Zum Glück bin ich Protokollführer des Winner-Teams „The old glasses tigers“.

Donnerstag
Nachmittags erleben wir einen quirligen originellen Professor bei einer lecture on „The English Language“. Ein lehrreicher chaotischer Spaß! Und ich bin stolz darauf, dass ich bei seiner schnellen Sprechweise dennoch ca. 90 % verstanden habe. Der Kurs hat sich also schon bezahlt gemacht...
Abends noch ein Strandspaziergang nach Boscombe bei stürmischer See. Ich beobachte die zahlreichen Surfer und unterhalte mich mit einem ehemaligen Surflehrer. Dann Dinner im Strandrestaurant mit Blick auf die Menge wimmelnder Surfer, die erst aufgeben, als es langsam finster wird.

Freitag
„The most important thing today is for me to drive in a Doppeldecker-Bus”, sage ich beim Mittagessen. Ray entscheidet spontan: “Good, let’s take the next bus!” Und so steigen wir vor der Schule in den nächsten Bus und fahren ins Stadtzentrum. Fahrerwechsel. Wir fragen, ob wir bis zur Endstation und zurück mitfahren können. Klar, wenn wir zahlen. Wir zahlen und sitzen oben in der ersten Reihe, als wäre es unser Privatbus.
Für 15 Uhr verabreden wir uns mit der Gruppe, uns am großen Pier zu treffen und am Strand zu laufen. Leider regnet es. Das Treffen endet im Cafe und ich laufe mit Hermine und Monika am stürmischen Strand entlang zurück zu meinem Hotel.
Abends um 19 Uhr trifft sich endlich mal die ganze Truppe im Pub am Deanpark zum gemeinsamen Dinner. Ich komme bei strömendem Regen völlig durchnässt dort an. Ein Taxi war nicht zu bekommen…
Yoko hält eine kurze Ansprache und ich glossiere ihre Story vom luxuriösen japanischen Badezimmer. Wir haben großen Spaß und spüren, dass wir in den zwei Wochen zu einer harmonischen „Großfamilie“ zusammengewachsen sind. „We’ll keep in touch! By e-mail.“ Und wir versprechen uns beim Abschied, Bilder und Kurzberichte auszutauschen. Vielleicht trifft man sich ja auch wieder beim nächsten Sprachkurs?

Samstag
Die Heimreise klappt planmäßig. Beim Einchecken in Stansted merke ich, dass ich mein Taschenmesser in der Hosentasche habe… Ich opfere es und werfe es in den Plastikbehälter vor der Durchgangskontrolle…
Heimfahrt mit dem Pkw. Mein Heimatort empfängt mich mit einem wunderschönen Regenbogen.